Sinnloses Gedankengut

Woran lässt sich eine Binge-Eating-Störung erkennen?

Wesentliches Kennzeichen ist ein Essverhalten, das durch häufige Kontrollverluste beim Essen (Heißhungeranfälle) geprägt ist. Im Unterschied zur Bulimia nervosa fehlen regelmäßige, einer Gewichtszunahme direkt gegensteuernde Maßnahmen.

Die Binge-Eating-Störung gilt als Untergruppe der unspezifischen Essstörungen, die als eigenständiges Krankheitsbild in den internationalen Klassifikationen noch nicht besteht und einer weiteren wissenschaftlichen Klärung bedarf. Die nachfolgenden Kriterien entsprechen den Forschungskriterien des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen, DSM-IV, American Psychiatric Association (APA) 1994:

Menschen mit Binge-Eating-Störung haben zu einem hohen Anteil zusätzliche psychische Erkrankungen, speziell Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen (insbesondere vom emotional-instabilen "Borderline"-Typus und vermeidende Persönlichkeitsstörung, Yanowski 1993, Mitchell 1995).

Welche körperlichen Folgen und Komplikationen kann die Binge-Eating-Störung nach sich ziehen?

Die körperlichen Schäden und Langzeitfolgen ergeben sich zumeist aufgrund des bestehenden, mehr oder weniger stark ausgeprägten Übergewichts bzw. der Adipositas, d. h. es drohen sämtliche Varianten der ernährungsbedingten "modernen Zivilisationskrankheiten": metabolisches Syndrom, Fettstoffwechselerkrankungen, Diabetes mellitus Typ II, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen, Erkrankungen des Stütz- und Halteapparates etc.

Häufigkeit und Verbreitung der Binge-Eating-Störung (Epidemiologie)

Im Vergleich zu Anorexie und Bulimie liegt der Anteil des männlichen Geschlechts bei Binge-Eating-Störung deutlich höher, er wird auf 1/3 der Betroffenen geschätzt. Auch die Altersverteilung ist breiter gestreut als bei den anderen genannten Essstörungen, Angehörige aller Altersgruppen können an der Binge-Eating-Störung leiden. Das Ersterkrankungsalter ist meist höher als bei Anorexie/Bulimie; im Vergleich zur "einfachen Adipositas" liegt der Erkrankungsbeginn jedoch früher (Yanowski 1993). Nach Angaben des Bundesgesundheitsamtes von 1994 ist in Deutschland annähernd jeder fünfte von Adipositas betroffen, und die Zahl der Übergewichtigen und adipösen Menschen nimmt in den westlichen Industrienationen weiterhin stetig zu. Es sollte unterschieden werden zwischen "einfacher Adipositas" und Binge-Eating-Störung, wobei logischer Weise der Anteil der an Binge-Eating Erkrankten in der Gruppe der Übergewichtigen deutlich über dem bei Normalgewichtigen liegt: Eine in den USA durchgeführte Untersuchung ergab eine Häufigkeit von Binge-Eating-Verhalten von ca. 2 % in der Normalbevölkerung, während bei adipösen Menschen schon 4 - 9 % und in Therapiegruppen, die eine Gewichtsreduktion zum Ziel hatten, etwa 30 % der Teilnehmer von einer zusätzlichen Binge-Eating-Störung betroffen waren (Fairburn 1993).

 

 

Was sind mögliche Ursachen und Hintergründe der Erkrankung?

Auf die Risikofaktoren für Essstörungen allgemein (Schlankheitsideal, Diätverhalten) und Essanfälle im besonderen (Teufelskreis Fasten - Essanfall - erneutes Fasten) wurde bereits in den Kapiteln zur Anorexie und Bulimie hingewiesen (siehe dort). Ein Großteil der Patienten mit Binge-Eating-Störung haben jedoch zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Diätversuche oder Nahrungsrestriktion praktiziert (Spurrell 1997, Marcus 1993).

Spezifische Konflikte oder eine spezifische Persönlichkeit, die einer Binge-Eating-Störung zugrunde liegt, konnten bislang nicht identifiziert werden. Viele übergewichtige Menschen berichten jedoch, dass sie mehr oder zuviel essen, wenn sie Kummer haben oder einsam sind.

Wie lässt sich eine Binge-Eating-Störung ("Essstörung mit Essattacken" wirksam behandeln?

Die Therapie der Binge-Eating-Störung kann grob in zwei Stufen eingeteilt werden: Der erste Teil der Behandlung fokussiert auf die Reduktion von Essattacken. Im Anschluss daran erfolgt Ausbau und Stabilisierung der erreichten Erfolge.

Ähnlich der Bulimie sind Essattacken Folge zweier Bedingungen: Wiederholtes gezügeltes Essverhalten sowie psychische Konflikte. Das Planen regelmäßiger Mahlzeiten sowie eine Nahrungsaufnahme, die sich am Hunger- und Sättigungsgefühl orientiert und nicht mehr mit psychischen Konflikten zusammenhängt, führen in der ersten Behandlungsphase zur Reduktion von Heisshungeranfällen. Eine Gewichtsreduktion nach Normalisierung der Nahrungsaufnahme erfolgt automatisch. Der zweite Behandlungsabschnitt zielt auf die Herstellung einer akzeptierenden Haltung zum eigenen Körper und beinhaltet darüber hinaus das intensive Bearbeiten psychischer Konflikte. Weiterhin werden mit den Patienten Bewältigungsstrategien zum Umgang mit Risikosituationen erarbeitet. Regelmäßige körperliche Aktivitäten (u. a. Walking, Gymnastik) unterstützen die Behandlung der Binge-Eating-Störung in allen Phasen. Sie ermöglichen einen akzeptierenden Umgang mit dem eigenen Körper, dämmen die Gesundheitsrisiken des Übergewichts ein und tragen zum positiven Aufbau der Stimmung bei.

Die Behandlung der Binge-Eating-Störung erfolgt oft ambulant bzw. teilstationär (Tagesklinik). Manchmal ist allerdings eine stationäre Behandlung erforderlich. Studien belegen, dass Patienten mit einer Binge-Eating-Störung besonders von einer gruppentherapeutischen Behandlung profitieren. Auch bei jüngeren Personen mit einer Binge-Eating-Störung ist es angezeigt, Familienmitglieder in den therapeutischen Prozess einzubeziehen.